Fachtag „Gewalterfahrungen von Jungen und Männern und die Folgen für ihre Gesundheit“
Abschlussrunde: Was jetzt zu tun ist.
Diskussionen, Kommentare, Perspektiven
In der Abschlussrunde wurden zentrale Handlungsbedarfe formuliert, die sich aus den Diskussionen des Fachtags und den Ergebnissen des 6. Männergesundheitsberichts ergeben. Die Teilnehmenden betonten, dass es nun darum gehe, Forschung, Praxis und gesellschaftliche Wahrnehmung wirksam weiterzuentwickeln.
– Impulse aus den Beiträgen der Diskutierenden –
Anna-Maria Möller-Leimkühler hob drei zentrale Punkte hervor:
- die Notwendigkeit von mehr und differenzierterer Forschung,
- eine höhere gesellschaftliche Sensibilität für männliche Gewalterfahrungen,
- sowie bessere und niederschwellige Zugangswege zu Hilfs- und Beratungsangeboten.
Markus Beck betonte vor allem den Ausbau professioneller Strukturen:
- mehr Fachkräfte mit spezifischer Spezialisierung,
- Träger und Organisationen, die fachlich solide und professionell aufgestellt sind,
- sowie kontinuierliche Netzwerkarbeit und Fachforen für Austausch und Weiterentwicklung.
Martin Dinges unterstrich die Bedeutung von
- mehr gesellschaftlicher Aufmerksamkeit und
- größerer Sichtbarkeit des Themas in Öffentlichkeit, Politik, Medien und Institutionen,
- sowie klarer Kommunikation der gesundheitlichen Folgen, um die Relevanz des Themas besser zu vermitteln.
Torsten Siegemund verwies auf strukturelle Herausforderungen, insbesondere:
- den Ausbau starker Netzwerke in den Bundesländern und Regionen,
- eine verlässliche, kontinuierliche statistische Erfassung der Hilfebedarfe,
- sowie die Berücksichtigung transmännlicher Bedarfe, die häufig noch unsichtbar sind.
Christoph Schwamm plädierte dafür, verschiedene Wissens- und Praxisfelder enger zusammenzuführen:
- queer-feministische und männerbezogene Ansätze stärker in Beziehung setzen,
- beide Wissensbereiche aktiv miteinander ins Gespräch bringen,
- und vorhandene Synergien nutzen.
– Querschnittsthemen und weitergehende Empfehlungen –
Darüber hinaus wurde betont, wie wichtig es sei, mehr Verletzungsoffenheit und Weichheit in der Arbeit mit Jungen und Männern zu ermöglichen. Für präventive Maßnahmen spiele häufig ein bestimmtes „männliche Mindset“ eine zentrale Rolle – insbesondere die Ambivalenz zwischen Gewaltneigung und subjektivem Schutzbedürfnis ( „Ich muss Gewalt anwenden, weil ich mich schützen muss“). Hier brauche es klare Begrenzung sowie konstruktive, sozial verträgliche Transformationsmöglichkeiten.
Auf der Beratungsebene sollten ganz unterschiedliche methodische Ansätze genutzt werden. Für die Forschungsebene wurde zudem gefordert, intersektional zu arbeiten und die Perspektiven von Frauen, Männern und TIN-Personen zusammenzubringen.
Ein weiterer wiederkehrender Befund: Beratung und Hilfe für Männer nützen letztlich allen – ein Grund mehr, auch stärker mit frauenbezogenen Netzwerken zusammenzuarbeiten.
Für die Sichtbarkeit und Erreichbarkeit von Betroffenen sollten alle verfügbaren Kommunikationswege genutzt werden – darunter Blogs, Podcasts und Social Media. Schließlich wurde erneut auf die strukturellen Rahmenbedingungen hingewiesen: Eine bessere Finanzierung sei essenziell, zumal der Gewaltschutz überwiegend in die Zuständigkeit der Bundesländer fällt. Dazu gehöre auch die Reform des Gewalthilfegesetzes.
Eine Dokumentation des Fachtags gibt es auf Anfrage bei Christoph Schwamm, IGEM Heidelberg.
Notizen: Gunter Neubauer